Großes Heiliges Kreuz

Das Leben aufs Kreuz gelegt I Prolog

Mit dem Rollstuhl über den holprigen Steinboden der Diele des »Großen Heiligen Kreuzes«. Die alten Mauern ziehen mich, wie immer, in längst vergangene Zeiten. Seit frühsten Kindertagen kenne ich das Hospiz von 1254 in Goslar. Ein Haus für Behinderte, Kranke, Waisenkinder, Bedürftige, Pilger und Touristen. Von Anfang an faszinierte mich die Verbindung von sakralem Raum und in kleinen Seitenkammern angesiedeltem Kunsthandwerk.

Ein Tag im Oktober des Jahres 2014. Bis zum gotischen Triumphkreuz rolle ich vor und bleibe direkt gegenüber stehen. Nichts an diesem Kruzifix erschreckt mich. Nicht Folter, Schmerz oder Todeskampf fallen ins Auge. Das Gesicht des Nazareners ist weich und entspannt. Als sei er einfach eingeschlafen – müde und erschöpft vom ewigen Sich-Präsentieren in luftiger Höhe. Ein großes Heiliges Kreuz, seinem Namen gerecht, Ruhe ausstrahlend. Zugleich ein stummes Kreuz, dass den Schrecken eines öffentlich ausgestellten Folterinstruments verloren hat. Auch der am Holz befestigte Leichnam ändert kaum etwas an diesem Eindruck.

Störend habe ich ein Kreuz nie wahrgenommen. Für mich ist es schlicht das Markenzeichen des Christentums. Aber ich werde es einfach nicht los. »Jeder hat sein Kreuz zu tragen.«, wurde, mit Blick auf meine Behinderung, schon oft zu mir gesagt.

Bin ich zu verwöhnt, weil meine Behinderung nahezu von Anfang an da war? Mein Kreuz hat mein Leben nicht von einem Moment auf den anderen verändert. Ich hänge keinem früheren Lebensabschnitt bedauernd nach. Bleibt die Chance herauszufinden, was das Kreuz und die Kreuztheologie aus meiner Sicht bedeuten.

Mit Endeckerdlust rolle ich durch das Eingangsportal auf die Straße »Hoher Weg« zurück.

© 2020 Matthias Möller

Die Reihe wird fortgesetzt.