Serie | Meer Tiefgang (3) »Erzählt uns vom Nazarener«

Zwei schweigende Menschen nebeneinander am Strand. Der Nazarener und ich. So stelle ich es mir vor. Beide mit dem Blick auf das Wasser. »Du wirst schweigen«, formt sich langsam ein Satz. »Du wirst schweigen, wie dich Dostojewski vor dem Großinquisitor schweigen ließ. Schweigen, weil schon alles gesagt ist…und wir sollen von dir erzählen. Du machst es einem wirklich nicht leicht!«

Diese Aufgabe, zu erzählen, blieb in den letzten zweitausend Jahren unverändert. Ungeachtet des Spieles von Riten und Kult. Auch wenn die theologischen und philosophischen Strömungen wechselten. Und bis heute der Kampf um das Bewahren der äußeren religiösen Strukturen erbitterter ist als um die Forderung: »Erzählt uns vom Nazarener«. Obwohl verkünden vor Taufe und Abendmahl kommt.

Katechismus und Gebote, so wichtig sie für eine gemeinsame Linie der Kirchen sein mögen, ersetzen nicht gesprochene Worte. Es hilft nichts, die stützenden Geländer müssen losgelassen werden. Eine unmittelbare Ansprache ist notwendig. Dann gewinnen die Berichte aus vergangen Zeiten neu Farbe, bekommen alte Texte wieder Klang. Ganz gleich wie man sich windet: den Auftrag zu erzählen, wird kein Christenmensch je los.

»Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.«, lässt Goethe seinen Faust sagen. Das Wunder, dass der Nazarener am Strand neben mir spricht, ist dennoch unwahrscheinlich. Eben weil alles gesagt ist, wird er nichts sagen. Bedauernswert finden mögen es die einen; sich der Herausforderung stellen wollen, die anderen. Ermutigend ist: Als der Nazarener noch sprach, hat er »… wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«, gesagt. (Matthäus 18,20)

Dostojewskij, Fjodor: Der Großinquisitor, Eine Phantasie. Übers. von Hermann Röhl, Nachw. und Anm. von Ulrich Schmid, Reclam 2021, 67 Seiten.

Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie erster Teil. Tübingen: Cotta. 1808, Seite 54.