Serie | Meer Tiefgang (2) Keine kleine Kunst

Am Ufer sitzen und Fischern bei ihrer Arbeit zuzusehen, ist eine Sache, dabei über das christliche Erzählen nachzudenken, eine andere. Unter freiem Himmel sind Kanzel und Ambo weit entfernt. Die Gedanken wandern melancholisch, eher distanziert umher. Hilfreich ist das nicht. Wer erzählen will, darf zwar sprachliche Grenzen eingestehen, sogar Sprachlosigkeit zugeben, doch niemals vollkommen schweigen.

Wie also beginnen? Die Welt der Evangelien auferstehen lassen, ist keine kleine Kunst. Zwei Dinge gilt es zu vermeiden: Einerseits darf die Kanzel nicht zum Platz einer Vorlesung, des akademischen Unterrichts werden. Andererseits ist sie auch keine Bühne für Erzählungen, die das Publikum bei Gefühlen und Emotionen zu packen versucht. Doch die gemeinsamen Geschichten, vom Alltag der Küstenbewohner, können Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen. So lässt sich der Staub der Jahrhunderte abschütteln. Und die Orte der biblischen Schilderungen erscheinen nicht wie weltfremde Kulissen für religiöse Inhalte. Was nicht bedeutet, die Bergpredigt (Mt 5,1–7,29) ausschließlich Gebirgsbewohnern zu überlassen.

Wer erzählt und predigt trägt eine enorme Verantwortung. Was nützt das behagliche Gemeindecafe und eine stimmungsvolle Abendmahlsfeier ohne Verständnis für das Programm des Nazareners? Gefühlsbetonte Veranstaltungen werden auch andernorts angeboten.

Wer erzählt und predigt, begleitet immer wieder einen »neuen Schülerkreis« des Nazareners und gehört selbst auch zu dem Kreis. Wie viel geistliches Vollkornbrot braucht eine Predigt, für einen stürmischen Tag an der Küste oder auf dem Meer? Der geistlichen Begleitung stellt sich diese Frage nahezu Tag für Tag.

So hänge ich am Strand meinen Gedanken nach. Würde sich der Nazarener neben mich setzen?